Vor dem Bild kommt der Ton
Ein Porträt über Martin Rieger – und die Frage, wie sich Zukunft anhört.

Ein verpixeltes Gesicht verzeihen wir fast jedem – eine abgehackte Stimme niemandem. Martin Rieger hat aus dieser unscheinbaren Wahrheit ein Lebensthema gemacht.
Inhalt
Jeder kennt den Moment aus einer Videokonferenz. Das Bild ruckelt, und niemanden stört es weiter. Sobald der Ton bricht, ist das Gespräch vorbei. Ein verpixeltes Gesicht verzeihen wir fast jedem – eine abgehackte Stimme niemandem. Schlechter Klang zerstört Nähe schneller, als ein schlechtes Bild es je könnte.
Martin Rieger hat aus dieser unscheinbaren Wahrheit ein Lebensthema gemacht.
Eine Brille, eine Irritation, eine Entscheidung
Vor gut zehn Jahren setzt er zum ersten Mal eine VR-Brille auf. Er sieht eine neue Welt, dreht den Kopf, staunt – und stutzt. «Moment», denkt er, «wenn das Medium dreidimensional ist, müsste der Ton dann nicht auch in drei Dimensionen zu hören sein?» Das Bild war schon in der Zukunft angekommen. Der Ton steckte noch in der alten Welt fest: flach, von vorne, wie aus einem Lautsprecher neben dem Fernseher.
Aus dieser Irritation wurde eine Entscheidung. Rieger hörte auf, die klassischen Mischaufträge anzunehmen – Filme, das Übliche – und widmete sich nur noch dem, wofür es damals kaum ein Wort gab: Klang, der einen Raum hat. Nicht mehr Sound. Nicht lautere Effekte. Sondern die eine Frage, die seitdem alles trägt: Wie muss eine Welt klingen, damit wir ihr glauben?
VRTONUNG – ein Studio für räumliches Hören
Heute führt er unter dem Namen VRTONUNG ein Studio in München – Vertonung, mit dem VR mittendrin. Über fünfzig Projekte in fünfzehn Ländern, ein Kofferraum voller eigens gebauter Mikrofone und ein Neumann-Kunstkopf, der Klang so aufnimmt, wie zwei menschliche Ohren ihn hören würden. Auf Konferenzen wie der Tonmeistertagung oder bei der Audio Engineering Society gilt er als eine der Stimmen, wenn es um räumliches Hören geht. Sich selbst nennt er die Brücke zwischen Technik und Kreativität. Auf der einen Seite Studios, die großartige Geräte bauen und selten wissen, was sich damit erzählen lässt. Auf der anderen Menschen, die erzählen wollen und an der Technik scheitern. Dazwischen er.
Bemerkenswert ist, was er nicht tut. «3D-Audio darf kein Verkaufsargument sein», sagt er. Es müsse die zwingende Antwort für einen bestimmten Fall sein – sonst sei es nur ein Zeichen dafür, dass jemand sich Mühe gibt, ohne den Raum verstanden zu haben. Ein Spezialist, der sein eigenes Spezialgebiet ungern verkauft: Das ist selten, und es macht ihn glaubwürdig.
Sounds of Germany – ein Land als Anwesenheit
Wie es klingt, wenn es trägt, zeigt «Sounds of Germany». Zum 250. Geburtstag Beethovens machte Rieger für die Deutsche Zentrale für Tourismus ein Land hörbar – Berlin, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig, aufgenommen nicht als Postkarte, sondern als Anwesenheit. Schritte auf Kopfstein, die Weite einer Bahnhofshalle, eine Tür, die hinter einem ins Schloss fällt, eine Richtung, aus der etwas näher kommt. Tourismusmarketing, das aufhört, Prospekt zu sein, und anfängt, Erinnerungsspur zu werden. Man war nie dort. Und trotzdem meint der Körper, sich zu erinnern.
Wie Marken klingen
Dass Marken aussehen, sprechen und auftreten, wissen wir längst. Dass sie auch klingen können – nicht im Jingle, sondern im Raum, im Material, in der Atmosphäre – ist die Ebene, die fast alle übersehen. Es ist kein Zufall, dass Rieger für die Showrooms von Marken wie BMW und Volkswagen Klangwelten gebaut hat, die Kunden ein Gefühl geben sollen, bevor sie ein Auto überhaupt berühren. Wer ein Erlebnis verkauft, hat verstanden, dass die Entscheidung im Körper fällt, nicht im Datenblatt.
Wenn Klang schonungslos nah wird
Dass Klang nicht nur schön macht, sondern auch schonungslos nah, zeigt ein Projekt aus einer ganz anderen Welt. Beim «Holy Bitch Project», einem investigativen Theaterstück der Regisseurin Christiane Mudra, gestaltete Rieger den binauralen Ton. Es geht um häusliche, sexualisierte, digitale Gewalt – Stoffe, denen man im Alltag ausweicht. Über Kopfhörer gelingt das Ausweichen nicht mehr. Klang fällt direkter in den Körper als jedes geschriebene Wort und jedes bewegte Bild. Man hört eine Bedrohung von hinten, und der Nacken weiß es vor dem Kopf.
Warum uns das interessiert
Genau hier wird es für uns interessant. Prismeo baut Formate, in denen Teams die Perspektive wechseln sollen – Kundensituationen, Konflikte, der Moment vor einer schweren Entscheidung. Was geschieht, wenn man eine solche Situation nicht beschreibt, sondern hörbar macht?
„3D-Audio darf kein Verkaufsargument sein. Es muss die zwingende Antwort für einen bestimmten Fall sein."
Im Oktober 2024 war Martin bei uns im LAB in Hamburg zu Gast. Kein fertiges Produkt lag auf dem Tisch, kein Angebot – eher ein gemeinsames Lautdenken darüber, wie sich Veranstaltungen mit immersivem Audio veredeln lassen. Wir hatten, ehrlich gesagt, ein paar reichlich verrückte Ideen im Kopf. Einige davon haben wir behalten.
Immersives Audio ist ein unsichtbarer Luxus. Es steht nicht im Raum herum wie eine LED-Wand oder eine Kamera, und trotzdem kostet es. Seine Kunst ist das Gestalten von Wahrnehmung – sie zeigt sich in dem Moment, in dem die Gäste vergessen, dass überhaupt Technik im Spiel ist. Gute Technik ist bei uns ohnehin da. Sie muss sich nur nicht dauernd wichtig machen.
Eine Stimme im Raum
Eine Möglichkeit reizt uns besonders – und wir nennen sie hier bewusst als Denkrichtung, nicht als fertiges Vorhaben. Wenn KI als zuschaltbare Beratungsinstanz in einen Workshop kommt, stört jede zusätzliche Bedienoberfläche den Fluss. Man klappt einen Laptop auf, sucht ein Fenster, tippt, erklärt den Kontext neu – und der Faden ist gerissen. Eine Stimme im Raum könnte diese Schwelle senken. Keine dominante Maschine, eher eine zuschaltbare Perspektive, die nicht unterbricht, sondern auftaucht, wenn der Raum sie braucht. Ob das trägt, wissen wir noch nicht. Aber der Weg zwischen Riegers Spezialgebiet und unserem Entwicklungsfeld ist kurz genug, um ihn zu gehen.
Mit der Idee im Kopf
Bleibt der eine Gedanke, der das Treffen überdauert hat. Bilder zeigen uns, wo wir sind. Klang lässt uns spüren, was dort möglich wird. Martin Rieger wäre für Prismeo kein Technikpartner im üblichen Sinn – eher ein Klangdramaturg für Räume, Marken und Denkprozesse. Einer, der vor der Frage, was ein Mensch verstehen soll, eine andere stellt: Was soll er fühlen, bevor er versteht?
Wir sehen uns spätestens beim nächsten Entwicklungsprojekt wieder. Vermutlich hört man es vorher.
Wenn aus einem Gedanken ein Format werden soll, zeigen wir Dir gern den passenden Raum.
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